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Erste Jahrestagung des Bologna-Zentrums in Bonn


Bild zum InhaltKompetenzorientierung und „employability“ im Fokus – Mehr staatliche Unterstützung für die Hochschulen gefordert

Fotos der Tagung

Bonn, 12.04.08 – Die Stärkung der fachlichen und methodischen Kompetenzen der Studierenden muss als langfristiges Bildungskapital in den Mittelpunkt der Reform der Lehre rücken. Dies ist das Fazit der ersten Jahreskonferenz des Bologna-Zentrums der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in Bonn. Rund 230 Teilnehmer diskutierten vergangene Woche im Bonner Wissenschaftszentrum zum Thema „Neue Anforderungen an die Lehre“ und tauschten ihre Meinungen in Podiumsdiskussionen und Workshops zum Kompetenzerwerb und zur Arbeitsmarktfähigkeit der Absolventen der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge aus. „Bologna ist zu einem Chiffre für die Modernisierung der Strukturen geworden“, sagte HRK-Vizepräsident und Rektor der Universität Bremen Professor Dr. Wilfried Müller zum Auftakt der zweitägigen Veranstaltung in Bonn. Dies belegten die aktuellen statistischen Daten der HRK. Rund 70 Prozent aller Studiengänge an den Hochschulen seien auf „Bologna-Kurs“, an den Fachhochschulen seien es sogar 90 Prozent. Müller appellierte an die Politik mehr Mittel bereitzustellen, damit die Reform erfolgreich greife. NRW-Innovationsminister Professor. Dr. Andreas Pinkwart ergänzte in seinem Grußwort, dass die neue Struktur auch für die Studierenden eine Herausforderung sei. "'Um sie besser zu unterstützen, müssen wir unbedingt damit beginnen", so Pinkwart, "ein nationales Stipendiensystem aufzubauen". Mittelfristig sollten damit die 10 Prozent Besten erreicht werden. Ebenso sieht Ministerialdirigent Peter Greisler vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) dringenden Handlungsbedarf: „Die Reform der Hochschullehre bedarf weiterer finanzieller Unterstützung.“

Nach den Grußworten folgte der Vortrag von Professor Dr. Dr. h.c. Ulrich Teichler, der sich aus Sicht der vergleichenden Hochschulforschung mit der Relevanz von Kompetenzorientierung und Beschäftigungsbefähigung („employability“) im Bologna-Prozess beschäftigte. „Wir sollten die Chance ergreifen und die Studiengänge neu gestalten“, so brachteTeichler seine Rede auf den Punkt.

In der von der HRK-Generalsekretärin Dr. Christiane Gaehtgens moderierten Podiumsrunde aus Professoren und Studierenden ging es um den Stellenwert von Wissenschafts- und Forschungskompetenz an den Hochschulen Europas. Gaehtgens leitete die Diskussion mit der Bemerkung ein: „Ich freue mich, dass die Tagung so viel Zuspruch findet“. Das große Interesse an der Veranstaltung zeige, dass hier der Wille zur Überwindung der Vorurteile gegenüber dem Bologna-Prozess vorherrsche. Die Podiumsteilnehmer sprachen sich für Studiengänge aus, die die Aneignung von Fachwissen und Methodenkompetenz als Eigenleistung der Studierenden unterstützen. Sie riefen aber ihre Kollegen in den Hochschulen zu mehr Selbstkritik bei der Bewertung der eigenen Forschungsleistung in der Lehre auf. Auch müssten die Hochschulen weiter finanziell gefördert werden, damit sie mit ihrer neu gewonnenen Autonomie die Umsetzung der Bologna-Reformen dazu nutzen könnten, ihre eigenen Stärken und Profile auszubilden. Wissenschafts- und Forschungskompetenzen müssten nicht in gleichem Ausmaß überall zu Schwerpunkten entwickelt werden. Gaehtgens fasste den Konsens in der Diskussion folgendermaßen zusammen: Der Erwerb von Fach- und Problemlösungskompetenzen  sollten zentrale Ziele der Studiengänge sein, aber auch die Aneignung eines verantwortungsvollen Umgangs mit Wissenschaft. Für die Bachelorausbildung sei es letztendlich entscheidend, dass die Methodik auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis sei, so Gaehtgens abschließend.

Wichtige Klarstellungen zum Thema Abbrecherquoten lieferte der Vortrag von Dr. Ulrich Heublein von der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS). In der in den Medien kontrovers diskutierten ersten HIS-Studie zu den Abbrecherzahlen, die erstmals auch die neu eingeführten Bachelor-Studiengängen umfasst, verwies Heublein ausdrücklich auf den weiteren Rückgang des Studienabbruchs an den deutschen Hochschulen. „Häufig geht in der Diskussion unter, dass der Studienabbruch überdurchschnittlich oft in Studienfächern stattgefunden hat, die schon bislang durch eine hohe Studienabbrecherquote gekennzeichnet sind.“ Vieles spräche dagegen dafür, dass die universitären Bachelor-Studiengänge, u. a. in den Sozial-, Sprach- und Kulturwissenschaften, zu einem deutlichen Rückgang des Studienabbruchs beigetragen haben, so Heublein.

Anschließend stellte Dr. Peter Tremp von der Universität Zürich unter der Moderation von Dr. Peter Zervakis, Leiter des Bologna-Zentrums der HRK, die erste Studie zum Stand der Bologna-Reform in dessen Heimatland Schweiz vor. Aus der Untersuchung geht hervor, dass bisher allenfalls die Abschlüsse umgestellt wurden und die eigentliche inhaltliche Arbeit noch bevorstehe. Um die Studienangebote im Sinne von Bologna umzusetzen, empfahl er eine Koordination auf Fachebene. Seinen Angaben zufolge würden sich die Schweizer Hochschulen hierfür die Zeit nehmen, um den inhaltlichen Herausforderungen der Reform besser gerecht werden zu können. Zu Tremps Ergebnissen erklärte Zervakis: “Die erstmals auf unserer Tagung vorgestellte Studie hat für uns Vorbildcharakter.“ Er wünschte sich, dass eine solche Untersuchung zeitnah auch in Deutschland durchgeführt werden sollte.

Zum Abschluss des ersten Tages diskutierten die Teilnehmer in drei Arbeitsgruppen die Vermittlung von Kompetenzen anhand von Modellen aus den Niederlanden und aus Großbritannien, die Bedeutung von Qualifikationsrahmen sowie die neuen „Bologna-kompatiblen“ Leistungsnachweise. Die Beteiligten stellten fest, dass es aufgrund unterschiedlicher nationaler Bildungstraditionen auch unterschiedliche Ansätze zur Bewertung von Kompetenzen und Lernergebnissen gebe. Alle Arbeitsgruppen wünschten sich aber mehr Rückmeldungen der Lehrenden für die Studierenden und das kreative Umsetzen unterschiedlicher Formen der Leistungsüberprüfung.

Der zweite Tag der Konferenz stand ganz im Fokus der Beschäftigungsbefähigung („employability“) in den geisteswissenschaftlichen Fächern. „Bologna ist eine Herausforderung für die Geisteswissenschaft“, sagte Professor Dr. Kai Brodersen zum Beginn seines Vortrages über Vermittlung praxisrelevanter Kompetenzen in den Geisteswissenschaften. Deren Absolventen seien vielfältig einsetzbar, so zum Beispiel in der Erwachsenenbildung oder in den neuen Medien. Dem stimmte Dr. Frank-Stefan Becker von der Siemens AG zu und verwies in seinem Beitrag auf das „soziale Gespür“ der Absolventen dieser Studiengänge für ethische Problemstellungen in den Unternehmen. Letztendlich müssten aber die Absolventen aus den Geistes- und Sprachwissenschaften Interesse auch für technische Themen zeigen, um in einem Konzern wie Siemens arbeiten zu können. Die Beispiele der europäischen Nachbarn vom Vortag hätten seiner Ansicht nach allerdings gezeigt, dass die einfache Übernahme von Modellen nicht machbar sei. Dies bestätigte auch Müller, der beide Vorträge moderierte: „Es gibt in anderen europäischen Ländern Konezpte, die wir nicht auf Deutschland übertragen können.“

Anschließend stellte Monika Schröder vom Bologna-Zentrum eine HRK-Umfrage zur Verwendung des Diploma Supplements in den Hochschulen vor. „Im Vergleich zur ersten Umfrage von 2004 sind die Ergebnisse durchweg positiv“, sagte Schröder. So stellten bereits ca. 30 Prozent der Hochschulen Diploma Supplements automatisch für alle Absolventen aus. Allerdings fehle es an Personal. Für die Befragten seien gute Schnittstellen der Verwaltungen und ein passendes IT-System hilfreich.

In den folgenden drei Workshops beschäftigten sich die Teilnehmer mit innovativen Konzepten für den Arbeitsmarkt und die Einrichtung von Career Centern. Die Arbeitsgruppen sprachen sich in ihren Ergebnissen für die „Campus Idee“ aus. Dies erleichtere das Leben, Lernen und Wohnen auf dem Universitätsgelände und den Weg der Studierenden in die spätere Berufstätigkeit. Bei der Einrichtung von Career Centern wünschten sich die Beteiligten eine klare, dauerhafte und strategische Positionierung der Hochschulen. Außerdem wurde die breite fachliche Ausrichtung der Studiengänge betont, die den längeren Wert des akademischen Wissens auf dem Arbeitsmarkt ausmache.

Am Ende der Konferenz verwies Müller in seiner Zusammenfassung auf das deutliche Interesse der Hochschulen an der Verbesserung der  „Arbeitsmarktrelevanz“ ihrer Absolventen. Er hob außerdem hervor: „Im Mittelpunkt der Lehre der Hochschulen müssen geeignete Anreize für  Kompetenzaneignung durch die Studierenden stehen.“ Müller dankte den  Referenten und Teilnehmern für ihr Engagement und lobte die abwechslungsreiche und kritische Debatte der Tagung. „Wir sind auf einem guten Weg“, erklärte er abschließend.
Die nächste Jahreskonferenz des Bologna-Zentrums der HRK findet im Frühjahr 2009 statt.

papayannakis/zervakis/schröder/16.04.2008

 

 












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