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Zu Beginn der Tagung stellten Yacin Bessas und Robert Steib, Studierende der Universität Ulm, eine Mikrostudie vor, die sich mit studentischen Prüfungserfahrungen in den gestuften Studienstrukturen auseinandersetzte. Im Zentrum der Studie standen die Erfahrungen mit der Prüfungsorganisation, der Prüfungsvielfalt und das Feedback. Hierbei zeigte sich neben dem Bedarf nach einer zentralen Prüfungsplanung zur Entzerrung der Prüfungsdichte auch der dringende Wunsch nach vielfältigen Lehr-, Lern- und Prüfungsmethoden. Der einseitige Einsatz von Klausuren werde von den Studierenden als demotivierend wahrgenommen und spiegele sich auch im Lernprozess wider, so Bessas: „Je nach Lehr- Lernmethode ist ein deutlicher Unterschied in der Vorbereitung auf die Prüfung zu beobachten.“ Besonders Projektarbeiten und die kompetenzorientierte Überprüfung durch Projektportfolios wurden in diesem Zusammenhang als motivierend hervorgehoben. Unabdingbar seien ebenfalls Feedbackprozesse zur Beurteilung der eigenen Leistung. „Erst durch den Dialog können tatsächliche Stärken und Schwächen aufgezeigt werden. Wenn dies geschieht, wird das Feedback auch als wirklich hilfreich angesehen.“
In seinem Einführungsvortrag über die Funktionen und Anforderungen von Prüfungen resümierte Professor Dr. Johannes Wildt, Leiter des Hochschuldidaktischen Zentrums der Universität Dortmund, die Dringlichkeit der Nachsteuerung im Reformprozess, der so genannten „second Wave of Reform“. In diesem Zusammenhang bemängelte er die Eindimensionalität der Kritik am Reformprozess: Die bürokratische Umsetzung sei nicht etwa top-down verordnet worden, sondern sei, wie auch in früheren curricularen Entwicklungsprozessen, ein Abbild der Diskurse, die in den Fächern geführt würden. Der Kampf um die Workload spiegele dabei auch den Kampf der Fachvertreter um den Anteil ihrer Fächer im Curriculum wider. Viele Curricula seien nicht neu konzipiert, vielmehr die alten Strukturen in die neuen Strukturen übernommen worden. Aber die Lernkonzepte müssen sich ändern: Der Lernprozess er Studierenden müsse durch Erkenntnisprozesse angetrieben werden. Dies sei der Kern dessen, was unter der „second Wave of Reform“ aus Hochschuldidaktischer Perspektive zu verstehen sei. Das derzeitige System zur Leistungsüberprüfung steuere in nicht zu unterschätzendem Maße das Lernverhalten der Studierenden und begünstige gegenwärtig das so genannte „Bulimie-Lernen“. Nachhaltige Nutzbarkeit von erworbenem Wissen werde so nicht gefördert. Zukünftig sei vermehrt die Frage zu stellen, wie das erworbene Wissen handlungsorientiert angewendet werden kann – dies solle, so Wildt, in der Konzeption von Prüfungen im Vordergrund stehen.
In der von HRK-Vizepräsident Müller moderierten Podiumsdiskussion wünschte sich das Publikum, dass die Kompetenzorientierung und Lernergebnisorientierung auch in den KMK-Vorgaben mehr Beachtung finden würden. Darüber hinaus wurde gefragt, welche Rolle die Prüfungsvielfalt in der Reakkreditierung spielen würde. Auf die Bolognakonformität werde in der Reakkreditierung zwar geachtet und diese auch angeregt. Die Hochschulen seien jedoch in der Pflicht, die Kompetenzorientierung ihrer Prüfungsformen selbstverantwortlich zu entwickeln. Wichtig sei in diesem Zusammenhang, dass der Vielfalt von Prüfungsformen grundsätzlich mehr Bedeutung zukomme.
In den anschließenden Arbeitsgruppen beschäftigten sich die Teilnehmer insbesondere mit den Methoden eines kompetenzorientierten Prüfungswesens und diskutierten praktische Erfahrungen mit der webbasierten Prüfungsverwaltung sowie die Rolle von Rahmenordnungen der Hochschulen für die Gestaltung des Prüfungswesens.
Die Ergebnisse machten deutlich, dass eines der Hauptprobleme im Prüfungsmanagement in der ungenügenden Kommunikation und dem Austausch der beteiligten Akteure innerhalb der Hochschulen liege. Darüber hinaus existiere hinsichtlich der diskutierten Aspekte in der Prüfungsorganisation eine Vielzahl von durchaus effektiven Einzelmaßnahmen, die jedoch in der Regel nicht zentral innerhalb der Hochschule koordiniert würden.
Zum Ende des ersten Tages berichtete Herr Dr. Jens Bücking über die Vorteile von computergestützen Assessments und stellte in diesem Zusammenhang das zentrale Testcenter der Universität Bremen vor, in welchem unter Verwendung digitaler Medien effektives Prüfungsmanagement betrieben wird. Die Einrichtung von eAssessments wurde aus studentischer Perspektive sehr begrüßt. Darüber hinaus zeigte Dr. Bücking Serviceangebote für Lehrende und multimediale Unterstützungsmöglichkeiten für innovative Lehrformen auf. Alle Angebote sind dabei in die eLearning-Strategie der Universität Bremen eingebettet. In der anschließenden Diskussion befasste sich das Publikum mit Fragen zu Datenschutzbestimmungen sowie zu personellen und finanziellen Ressourcen, die zur Organisation einer solchen zentralen Einrichtung notwendig seien.
Nach einer kurzen Feedbackrunde zum Vortag stand der zweite Tag der Konferenz primär im Fokus der Optimierung von Prüfungsabläufen. Gerald Haese, stellvertretender Leiter des Center für digitale Systeme an der Freien Universität Berlin, berichtete über webbasierte Lern- und Prüfungsmethoden. Er ergänzte den Themenkomplex zu internetbasierten Prüfungsformen vom Vortag, indem er den langjährigen Einsatz von eAssessments mit studentischen Notebooks erwähnte.
In den folgenden Arbeitsgruppen diskutierten die Teilnehmer mögliche Hilfen zum effektiven Prüfungsmanagement sowie die Bedeutung einer professionellen Rückmeldung von Stärken und Schwächen studentischer Leistung. Vorgestellt wurden gute Praxisansätze zu Self-Assessments als Lernstandskontrolle sowie zu neuen Ansätzen zur Optimierung der Prüfungsorganisation. Darüber hinaus wurde auch die Bedeutung der Feedbackfunktion in Prüfungen hervorgehoben.
Die Ergebnisse aus den Workshops wurden am Ende der Tagung aus studentischer Sicht kommentiert. Dabei wurde der Wunsch nach einer gezielten Rückmeldung über studentische Leistung und einer ehrlichen Stärken-Schwächenanalyse hervorgehoben. Begrüßt wurde aus studentischer Perspektive ebenfalls die Einrichtung zentraler Lehr- und Lernplattformen, um die Selbstlernphasen sowie das Studium zeitlich flexibel gestalten zu können. Damit erhöhe sich auch die studentische Selbstverantwortung für den eigenen Lernprozess. Zukünftig wünschten sich die Studierenden, mehr in die Entwicklungsprozesse eingebunden zu werden.
Die Teilnehmer begrüßten ausdrücklich die systematische Beteiligung der Studierenden und wünschen sich zur Weiterentwicklung des Prüfungswesens unter den Anforderungen neuer Lehre weitere Veranstaltungen zum Vergleich guter Praxisansätze sowie Handreichungen und Empfehlungen seitens der Hochschulrektorenkonferenz. Es wird darauf ankommen, dass an den Hochschulen eine größere Vielfalt an Lehr-, Lern- und Prüfungsformen entwickelt und angewendet wird.
Die nächste Koordinatorentagung des Bologna-Zentrums der HRK findet voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2010 statt.